Von Dr. Leona Frühabend (Institut für postvisuelle Studien, Leipzig)
Was bedeutet es, Fleisch zu zeigen — im Museum, im Bild, im Netz?
Und was bedeutet es, Fleisch zu sehen?
Die Ausstellung Stiller. Fleisch, Macht, Sprache bewegt sich in einem
Spannungsfeld zwischen Zeigen und Beobachten, zwischen Intimität und
Display. Die Installation der Stillerschen Vitrinen evoziert nicht nur
Erinnerungen an provinziellen Konsum und familiären Schrecken, sondern
lässt sich auch als frühe, nahezu prophetische Reflexion auf die
performative Macht des Blicks lesen.
In einer Zeit, in der das Private längst öffentlich geworden ist —
Instagram-Stories, TikTok-Tränen, Beichtformate auf YouTube —
erscheint die enge, ritualisierte Welt der Schwestern Stiller zugleich
isoliert und visionär. Ihre Sprache (Stillerspraak) kennt keine
Zuschauer. Ihre Schnitte wurden nie gefilmt. Ihre Märchen sind nicht
dokumentiert, nur erinnert. Und doch: Wir sehen. Wir lesen. Wir stehen
davor.
Wer ist hier der Voyeur?
Ist es überhaupt noch möglich, eine Grenze zu ziehen zwischen Echtheit
und Inszenierung? Zwischen Fleisch und Bild? Zwischen Dokument und
Fantasie?
Die Ausstellung spielt bewusst mit diesen Irritationen. Die Objekte
sind real, aber nicht wahr. Die Geschichten sind erfunden, aber nicht
gelogen. Das Schweigen ist performativ. Die Stille ist gerahmt.
Und wir? Wir schauen. Vielleicht, um etwas zu fühlen, das nicht uns
gehört. Vielleicht, um zu vergessen, dass wir längst Teil der
Inszenierung sind.