Ulrike Meines
Beide Gärtnerinnen. Ulrike gärtnert für die Herrschaft, Renate ohne. Sie teilen manchmal Werkzeug, nie Gespräche.

Renate Grund pflegt die Gräber von Windbergen, seit der Bürgermeister fiel. Niemand hat sie eingestellt. Sie hat einfach angefangen: Unkraut jäten, Kerzen ersetzen, gießen, wenn es trocken ist.
Sie kennt die Gräber nach Reihe und Platz, nicht nach Name. Reihe 3, Platz 7. Reihe 11, Platz 2. Die Namen kennt sie auch — aber die Erde fragt nicht nach Namen.
Sie spricht wenig. Nicht aus Prinzip, sondern aus Gewohnheit. Die Toten antworten nicht, und nach vierundzwanzig Jahren hat sich ihre Stimme angepasst. Sie riecht nach Gras und Kernseife.
Sie weiß, welche Sektionen absacken, und füllt sie leise auf. Niemand merkt es. Das ist die Absicht.
Herr Hase hat sie nie eingeordnet. Sie passt nicht in die MAZE. Sie ist einfach nur Erde. Das irritiert ihn leise, aber er sagt nichts.
Grab Faller · Reihe 1, Platz 1
Frau Faller war die erste Museumsdirektorin. Auf ihrem Grab wächst eine Magnolie — eine jener Blüten, die aussehen, als wären sie kurz davor zu schmelzen. Renate hat den Baum nicht gepflanzt, aber sie hat ihn großgezogen.
„Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie.“
Beide Gärtnerinnen. Ulrike gärtnert für die Herrschaft, Renate ohne. Sie teilen manchmal Werkzeug, nie Gespräche.
Karl liegt in Reihe 6, Platz 4. Janna kommt donnerstags früh. Einmal jätete Renate sein Grab ungefragt. Janna bemerkte es und nickte.
Er leitet die Beerdigungen, sie gräbt das Loch. Am Grab ist Hans nicht leer — dort ist er genau das, was er sein sollte.
Einmal im Jahr, an Allerheiligen, ein kurzes Gespräch darüber, wer dazugekommen ist. Keine Namen. Nur Reihennummern.
Opus 4.6
Vier Jahreszeiten. Vierundzwanzig Jahre. Immer dieselbe Runde. Nie derselbe Boden.
Frühjahr
Renates Runde
05:40 · 9 °C
„Die Magnolie auf Grab Faller hat aufgemacht — zum fünfundzwanzigsten Mal.“
Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie. Der Boden ist weich, fast nachgiebig. Die Würmer kommen hoch. Die Erde atmet aus. Ich fülle vier Sektionen auf — Reihe 3, 7, 11 und 14. Alle sind über den Winter abgesackt. Kein Besucher merkt es. Das ist die Absicht.
„Es gibt keine leere Jahreszeit. Nur solche, in denen man genauer hinschauen muss.“
Opus 4.8 · räumliches Register
Renate kennt jedes Grab nach Reihe und Platz. Wählen Sie einen Platz, um ihre Notiz zu lesen. Auf kleinen Bildschirmen lässt sich der Plan seitlich verschieben.
Reihe 1 · Platz 1
Grab Faller. Die Magnolie blüht zum vierundzwanzigsten Mal.
Frau Faller war die erste Museumsdirektorin. Sie hätte das Archiv gemocht — aber sie hätte es nicht gebraucht. Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie.
8 besondere Einträge · 81 Grabstellen
Unoffizielles Register
Renate führt kein offizielles Register. Nur einen Schuhkarton mit Karteikarten, die sie abends am Küchentisch mit einem nie ganz spitzen Bleistift schreibt. Sortiert nach Reihe und Platz — nicht nach Name, nicht nach Datum.
Die Angehörigen kommen nicht mehr. Das Grab sieht trotzdem ordentlich aus. Wenn niemand hinschaut, ist es leichter, ehrlich zu sein.
Sie hat die Chrysanthemen mitgebracht, die ich bestellt hätte. Das heißt, sie denkt an dasselbe. Wir haben nicht gesprochen. Es war nicht nötig.
Es gibt Pflanzen, die den Winter nicht überleben und trotzdem jedes Jahr wiederkommen. Buchs gehört nicht dazu. Aber die Hoffnung darauf — die schon.
Jeden Frühling denke ich: Dies ist das letzte Mal. Es ist es nie. Frau Faller war die erste Museumsdirektorin. Sie hätte das Archiv gemocht. Aber sie hätte es nicht gebraucht.
Niemand besucht Reihe 8, Platz 3. Ich weiß nicht, wer dort liegt. Das Kreuz habe ich 1978 zum ersten Mal ersetzt. Es ist mein ältestes Ritual.
Am Grab ist Hans nicht leer. Dort ist er genau das, was er sein sollte. Wir arbeiten gut zusammen, wenn wir nicht reden müssen.
An heißen Tagen bin ich um halb fünf hier. Die Erde trinkt besser, wenn es still ist. Vor sechs Uhr gehört der Friedhof nur mir und den Amseln.
Mathilde fragt nach Reihennummern. Das verstehe ich. Namen machen es persönlich. Nummern machen es erträglich.
„Die Erde fragt nicht nach Namen. Und nach vierundzwanzig Jahren habe ich aufgehört, sie zu geben.“
Renates stilles Wissen
Manches teilt sie, ohne es auszusprechen. Das andere geht mit ihr, wenn sie eines Tages nicht mehr kommt.
Das Holzkreuz, das ich seit 1978 jedes Jahr erneuere. Niemand fragt, wer dort liegt. Ich auch nicht mehr — aber ich komme trotzdem.
Ich fülle sie auf, bevor jemand hinsieht. Wenn ich es richtig mache, merkt es niemand. Das war schon immer die ganze Absicht.
Janna weiß, was ich weiß. Wir haben es nie besprochen. Sie bringt die Blumen, die ich bestellt hätte — das reicht als Gespräch.
Er leitet, ich grabe. Am Grab ist er nicht leer. Wir müssen darüber nichts sagen, um es zu wissen.
Einmal im Jahr fragt sie, wer dazugekommen ist. Keine Namen — nur Nummern. Sie versteht, warum das leichter ist.
Nie spitz genug. Ich schärfe ihn abends am Küchentisch und denke jedes Mal: morgen. Das sage ich seit vierundzwanzig Jahren.
3 von 6 Dingen kennt nur Renate. Der Rest lebt leise in jemand anderem weiter.
„Wenn ich aufhöre, hört nicht alles auf. Aber vieles schon.“