Hannelore Behrens
Eine Frau der klaren Ordnung
Hannelore Behrens lebt am Waldrand von Windenberg in einem vergleichsweise neuen Bungalow, einem Haus aus großen Fenstern, hellen Stoffen, ruhigen Oberflächen und bewusst gewählter Leichtigkeit. Nichts in ihrer Umgebung soll drücken. Nichts soll sich unnötig festsetzen. Ihr Zuhause ist nicht kühl, sondern klar: ein Ort, an dem Dinge lesbar bleiben und Räume den Menschen nicht bedrängen.
Sie ist unverheiratet, nicht aus Enttäuschung, sondern aus Entschiedenheit. Ihre eigentliche Bindung gilt einem Vorhaben, das für andere vielleicht zu groß, zu modern oder zu glatt erscheinen mag: dem EUROPAMARKT. Für Hannelore ist dieses Haus kein Geschäft im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Versuch, Windenberg zu helfen. Nicht mit großen Worten, nicht mit Psychologie, nicht mit Mystik, sondern mit Übersicht, Licht, geeigneten Gegenständen und einer Umgebung, die den Menschen für einige Stunden entlastet.
Hannelore glaubt, dass die Bewohner von Windenberg verstrickt sind. Nicht falsch, nicht böse, sondern verfangen: in Schwere, in alten Innenwelten, in zu vielen Dingen, die haften bleiben und sich verdichten. Der EUROPAMARKT ist für sie die freundlichste Antwort, die ihr darauf eingefallen ist. Ein gut geführtes Haus, so ist sie überzeugt, kann Zweifel verkleinern, Wege erleichtern und den Alltag in eine ruhigere Form bringen.
Dabei glaubt sie nicht an den großen Umbruch. Hannelore möchte Windenberg nicht aufbrechen, sondern langsam umlenken. Für sie beginnt Erleichterung nicht mit einem plötzlichen Wandel, sondern mit einer Reihe kleiner, richtiger Verschiebungen: ein hellerer Raum, ein besser gewählter Stoff, ein freundlicheres Licht, eine ruhigere Pause, ein Gegenstand, der nicht verwirrt, sondern hilft. Sie will das Dorf nicht erlösen, sondern allmählich erleichtern.
Sie hält nichts von Dingen, die mehr von den Menschen wollen, als ihnen den Tag leichter zu machen. Ihr bekanntester Satz lautet:
„Lampen müssen erhellen, nicht verwirren.”
In diesem einen Satz liegt beinahe ihr gesamtes Weltbild. Auch Stoffe sollen schützen, nicht verschlucken. Geräte sollen helfen, nicht fordern. Räume sollen tragen, nicht prüfen. Hannelore empfindet das nicht als glatte Kommerzialität, sondern als Fürsorge in räumlicher Form.
Nirgends, so glaubt sie aufrichtig, sind die Menschen von Windenberg für einige Stunden ruhiger, klarer und weniger allein als in einem gut geleiteten Warenhaus. Darum achtet sie auf alles: auf den Fall eines Vorhangs, auf die Lichtfarbe über einer Ware, auf die Ruhe einer Cafeteria, auf die Frage, ob ein Gegenstand dem Menschen wirklich entspricht. Der EUROPAMARKT ist ihr Ideal einer Welt, in der Dinge endlich wieder das tun, wofür sie da sind.
Wenn man Hannelore fragt, was sie für Windenberg will, würde sie vermutlich nicht von Fortschritt sprechen. Eher von Erleichterung. Von mehr Licht. Von weniger Verfangenheit. Von einem Ort, an dem man für einen Nachmittag nicht gegen das Leben arbeiten muss.